Angesichts der gesellschaftlichen Herausforderungen, der Zunahme psychischer, psychosomatischer aber auch arbeitsplatzbedingter Störungen und ihrer wachsenden sozialmedizinischen Bedeutung sowie dem vermehrten Wissen über biopsychosoziale Zusammenhänge in der Entstehung und dem Verlauf somatischer und psychischer Störungen stellt der weitere Ausbau des Fachgebiets eine Antwort auf diese Entwicklungen dar. Mit dem Fortschreiten der Technisierung und Fragmentierung in weiten Bereichen der medizinischen Versorgung kommt dem Fach immer mehr die Aufgabe zu, Anwalt für das »Subjekt in der Medizin« zu sein und in kooperativen Versorgungsstrukturen einen Gesamtbehandlungsplan für den Patienten zu entwerfen. [...] Die Psychosomatik ist ein Fachgebiet mit Zukunft. Es eröffnet jungen Ärztinnen und Ärzten glänzende berufliche Aussichten in einem Arbeitsfeld mit hoher Arbeitszufriedenheit.
— Kruse J., Beutel M. E., & Herzog W. (2012). Quo vadis Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. In W. Herzog, M. E. Beutel, & J. Kruse (Hrsg.), Psychosomatische Medizin und Psychotherapie heute - Zur Lage des Fachgebietes in Deutschland (S. 103-118). Stuttgart: Schattauer.

Berufliche Perspektiven - EInige Überlegungen Vorweg

  • Zentrale Fähigkeiten, die im Fachgebiet erworben werden können, sind: Teamkompetenz, Schnittstellenmanagement, komplexe Problemlösekompetenz und psychosomatisch-psychotherapeutische Kompetenz

  • Die Tätigkeitsfelder beinhalten Krankenversorgung, Wissenschaft und Weiterbildung bzw. Lehre.

  • Die Karrierechancen sind insbesondere in der Wissenschaft ausgezeichnet.

  • Der Fachärztin/dem Facharzt eröffnen sich vielfältige berufliche Möglichkeiten im ambulanten oder stationären Bereich mit sehr guten Aufstiegschancen.

  • In der Krankenversorgung sind die Patienten vergleichsweise jünger (im Mittel 43,2 Jahre) als in vielen anderen Bereichen der Medizin.

  • Die Fachgesellschaften und berufspolitischen Verbände vertreten die Interessen des Fachgebietes gegenüber dem Gesetzgeber, dem Gesundheitsministerium, der Bundesärztekammer und den Landesärztekammern bezüglich der Weiterbildungsordnung und den Versorgungsstrukturen.

ambulanter Bereich

  • Die Verdienstmöglichkeiten sind durchaus vergleichbar mit denen anderer niedergelassener Ärztinnen bzw. Ärzte (bspw. der Hausärzte). In der offiziellen Statistik der Krankenversicherungen wird das nicht so abgebildet, da die Aspekte der Teilzeittätigkeit und die zusätzlichen, KV-unabhängigen Einnahmequellen über bspw. Supervisionstätigkeit, Hintergrunddienste, Dozententätigkeit (Psychosomatische Grundversorgung, Balintgruppen) nicht erfasst werden.

  • In den letzten Jahren erfolgte eine deutliche Verkürzung der Behandlungsdauer ambulanter Psychotherapie auf im Mittel 48 Sitzungen bei annähernd gleicher Behandlungsdauer  in den Grundverfahren Verhaltenstherapie (spezifisch: Phobien, symptombezogene Kurzzeittherapien) und tiefenpsychologischer  Psychotherapie (spezifisch: strukturorientierte Persönlichkeitsveränderung, interpersonelle Wirksamkeit) bei ähnlicher Effektstärke der beiden Verfahren (DKV-Studie).

  • Es existieren zwei Praxismodelle: (1) Ärztlich-psychotherapeutische Praxis mit ca. 100 Patienten/Jahr oder (2) Versorgungspraxis mit ca. 450 Patienten/Jahr), welcher die Hausärztin/der Hausarzt Patienten konsiliarisch zur Differentialdiagnostik und Aufbau von Therapiemotivation sowie ggf. Planung einer Psychotherapie zuweist.
  • Berufsverbände vertreten die Interessen der niedergelassenen Fachärztinnen bzw. Fachärzte.

Stationärer Bereich

  • Vor dem Hintergrund hoher Therapieeffekte, nachhaltig positiver Auswirkungen auf Lebensqualität (bspw. im interpersonellen und beruflichen Bereich) sowie gesundheitsökonomischer Effizienz werden derzeit die Bettenkapazitäten im Bereich der Psychosomatischen Medizin weiter ausgebaut.

  • Die Strukturen unterscheiden sich nach Zielsetzung und Versorgungsstufe von Abteilungen und Kliniken:
    • Abteilungen an Universitätskliniken leisten Schwerpunkt- und spezialisierte Versorgung sowie Grundlagen- und klinische Forschung und Lehre.
    • Größere Fachkliniken mit überregionalem Einzugsgebiet sind häufig spezialisierte Einheiten für bestimmte Störungen (bspw. Essstörungen, Schmerzstörungen, Traumafolgestörungen, Persönlichkeitsstörungen).
    • Abteilungen an Allgemeinkrankenhäusern mit regionalem Versorgungsangebot verfügen neben einem begrenzten Bettenkontingent (durchschnittlich 9 bis 36 Betten) über Konsiliar-/Liaisondienste, die eine frühzeitige Identifikation, Motivation und Erstbehandlung von Patienten mit psychosomatischen und somatopsychischen Störungen in Nachbarabteilungen ermöglichen.
    • Es existieren auch reine Konsiliar- und Liaisonabteilungen sowohl an Allgemeinkrankenhäusern als auch an Universitäten.
    • Viele psychiatrische Fachkrankenhäuser führen Abteilungen für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie.
    • Schließlich gibt es eine größere Zahl an Privatkliniken für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie.

Weitere Tätigkeitsbereiche

  • Fachkliniken für psychosomatische Rehabilitation

  • Forschung (Grundlagenforschung, klinische Forschung, Versorgungsforschung) und/oder Lehre an Medizinischen Fakultäten  

  • Psychosomatik im Kinder- und Jugendlichenalter

  • Prävention und arbeitsplatzbezogene psychosomatische Interventionen